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Gesundheit – Fortpflanzung und Entwicklung

Quelle: wikimedia commons

Die Bereiche Fruchtbarkeit und Schwangerschaft sind im Zusammenhang mit Gesundheitsfragen für die meisten Menschen von besonderem Interesse, denn damit sind einerseits Fragen der Zeugungsfähigkeit und andererseits Fragen von Fehlbildungen während der Embryonalentwicklung bzw. Aborten und Geburts­problemen verbunden. Allerdings ist es schwierig, in diesem Feld robuste Daten zu erhalten, denn viele Faktoren beeinflussen Fortpflanzung und Embryonalentwicklung. Ist der Einfluss dieser Faktoren nicht bekannt bzw. wird er in den Auswertungen nicht berücksichtigt, bleiben Schlussfolgerungen betreffend EMF spekulativ. Weil Temperaturerhöhungen einen negativen Einfluss auf Fortpflanzung (Spermienqualität) und Embryonalentwicklung haben können, ist bei Studien mit hochfrequenter EMF die Kontrolle der Temperatur ein absolutes „Muss“.

Der Einfluss elektromagnetischer Felder auf die männliche Fruchtbarkeit

Spermium und Eizelle. Quelle: wikimedia commons

Der Zusammenhang zwischen EMF und Fruchtbarkeit wurde sowohl mit Tierstudien als auch mit Studien am Menschen untersucht. Bei den Humanstudien handelte es sich entweder um reine Labortests (Untersuchung von Spermien von exponierten und weniger exponierten Männern oder von Spermien vor und nach Bestrahlung mit EMF) oder um epidemiologische Arbeiten. Insgesamt liegen erst wenige (einige Dutzend) Arbeiten vor. Die jüngeren Arbeiten widmeten sich mehrheitlich dem Einfluss von hochfrequenten Feldern, insbesondere solche von Mobiltelefonen.

Leider sind viele Studien mit so grossen methodischen Mängeln behaftet, dass sie nicht aussagekräftig sind. In mehreren Arbeiten ist etwa die EMF-Belastung nur sehr grob geschätzt oder unerheblich gross (Exposition von Mobiltelefonen, die man am Ohr hält). Sodann sind in manchen Studien andere Einflussfaktoren (etwa sitzende Tätigkeit, Alkoholkonsum etc.) nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt worden. Obwohl die Mehrheit der Veröffentlichungen zum Schluss kommt, dass ein negativer Einfluss auf die Fruchtbarkeit möglich sei, kann das nicht zum Nennwert genommen werden. In einer Literaturübersicht aus dem Jahre 2007 des BAFU heisst es zu den damals erschienen Studien: “Jede einzelne dieser Arbeiten muss als nicht aussagekräftig beurteilt werden“, und ein Expertengremium der EU kommt 2015 zum Schluss, dass bezüglich niederfrequenter EMF: „die jüngsten Studien keinen Einfluss von NF-EMF auf die reproduktiven Funktionen des Menschen zeigen“ und hinsichtlich RF-EMF aufgrund fehlender Humanstudien ausreichender Qualität eine Evidenzabschätzung nicht möglich sei. Die Studien mit Labortieren geben gemäss SCENIHR starke Hinweise auf Abwesenheit von negativen Effekten.

Der Einfluss elektromagnetischer Felder auf die Embryonalentwicklung

Menschlicher Embryo, 9. Woche, ca. 4 cm gross. Quelle: wikimedia commons

In Bezug auf Studien zu Schwangerschaft und Embryonalentwicklung gelten leider dieselben Bedenken wie oben erwähnt. Die Befunde sowohl zu nieder- als auch zu hochfrequenter Exposition sind widersprüchlich und ergeben kein klares Bild. Ergebnisse zu Fehlentwicklungen in Tierbeständen, die  nahe bei Mobilfunkbasis­stationen gehalten werden, sind ebenfalls wissenschaftlich kontrovers (siehe etwa: Kommentar zu Hässig, M. et al (2012), "Vermehrtes Auftreten von nukleären Katarakten beim Kalb nach  Erstellung einer Mobilfunkbasisstation" (25 KB)).

Aus Sicht der deutschen Strahlenschutzkommission ist ein negativer Einfluss von EMF auf die Embryonalentwicklung sehr unwahrscheinlich und deshalb sei weitere Forschung unnötig. Die WHO dagegen empfiehlt die Durchführung von qualitativ hochstehenden Tierstudien, und die EU-Expertenkommission rät, im Zusammenhang mit Schwangerschaft v.a. Studien über die Wirkung von Mittelfrequenzen (300Hz – 100kHz) für Berufstätige (Verkauf, Gastronomie/Küchen, Medizin) durchzuführen. Insgesamt kommt die Kommission in ihre Bericht von 2013 zum Schluss: "Die jüngsten Studien zeigten, dass vorgeburtliche oder frühe nachgeburtliche Exposition gegenüber unterschiedlichsten Hochfrequenzsignalen keine gesundheitlich negativen Auswirkungen hatte".

In den letzten Jahren wurde auch untersucht, ob Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern etwas mit dem Mobiltelefongebrauch ihrer Mütter während der Schwangerschaft zu tun haben könnten. Die Resultate dazu sind widersprüchlich. Einige Studien fanden einen solchen Zusammenhang, andere nicht. Die Autoren geben zu bedenken, dass ein Reihe von Faktoren, die sie nur teilweise zu berücksichtigen bzw. abzuschätzen vermochten, die Resultate in die eine oder andere Richtung verzerrt haben könnten. Insgesamt kann von einigen schwachen Hinweisen auf einen möglichen Zusammenhang gesprochen werden. Ein gültiger Schluss ist noch nicht möglich.

Schlussfolgerungen

Die verfügbaren Forschungsergebnisse weisen insgesamt nicht auf eine gesundheitliche Beeinträchtigung der Fruchtbarkeit und der Embryonalentwicklung durch EMF hin. Weil aber viele Studien methodisch mangelhaft sind, können mögliche schädliche Auswirkungen von EMF auf Fruchtbarkeit und Schwangerschaft nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Für hochfrequente Felder von fixen Installationen (Radio, TV, Mobilkommunikation) aber auch von Handys kann aufgrund der geringen Exposition im Alltag davon ausgegangen werden, dass negative Auswirkungen unwahrscheinlich sind.

Ausgeählte Literatur (Übersichtsarbeiten)

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Dürrenberger, G., Leuchtmann, P., Röösli, M., Siegrist, M., Sütterlin, B. (2015). Fachliteratur-Monitoring "EMF von Strom-Technologien". BFE, Bern. Publikation 291030, Kapitel 3.3.4.

Hug, K., Röösli, M. (2013). Strahlung von Sendeanlagen und Gesundheit. Bewertung von wissenschaftlichen Studien im Niedrigdosisbereich. Stand: Dezember 2012. Umwelt-Wissen Nr. 1323. Bern: BAFU.

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